Förderprojekte

09. Juli 2018

Aachener Neuedition von Leonardo da Vincis Codex Madrid I

Der Codex Madrid I ist Leonardos Hauptwerk zur Technik.

Im Blick auf den 500. Todestag des großen Künstlers und universellen Forschers Leonardo da Vinci am 2. Mai 2019 erscheint in Kürze beim Verlag Böhlau Köln eine vierbändige Neuausgabe seines Hauptwerkes als Ingenieur. Es ist eine Publikation des Historischen Instituts der RWTH Aachen, entstanden anschließend an ein DFG-Projekt, gefördert u.a. durch den VDI und den Dr. Franz A. Wirtz-Fondsdes Fördervereins proRWTH.

Die vollständig autographe Handschrift wurde erst 1965-66 in der Nationalbibliothek Madrid wiederentdeckt und 1974 erstmals als Facsimileedition veröffentlicht. Diese Ausgabe bot eine sorgfältige Transkription der Spiegelschrift Leonardos, entbehrte aber eines genaueren Kommentars, ohne den der weit gestreute Inhalt nur schwer zu enträtseln ist. Die Erschließung des Inhalts blieb ein dringendes Desiderat.

Auf jeweils 95 Blättern sollte der erste Teil der Handschrift Leonardos Zeichnungen und Erläuterungen zum Maschinenbau aufnehmen, der zweite Teil seine Bemühungen um eine Theorie der Mechanik enthalten. In beiden Teilen hat Leonardo jedoch so intensiv nachgearbeitet, dass die ursprüngliche Reinschrift mit ihren sorgfältigen Maschinenzeichnungen mehr und mehr zu einer Arbeitshandschrift wurde, mit vielen Nachträgen, Ergänzungen, Einschüben, Korrekturen, Umformulierungen, Streichungen usw. Der Endzustand war in vielen Abschnitten unübersichtlich und für die Geschichte der Technik nur schwer auswertbar.

Die systematische inhaltliche Erschließung in Aachen erfolgte zunächst im Rahmen eines vierjährigen DFG-Projektes. Das Ergebnis war eine vorläufige Internet-Edition, die in der Folge dank Unterstützung durch die Gerda-Henkel-Stiftung zu einer vierbändigen Druckausgabe umgearbeitet werden konnte. Band I und II enthalten die kommentierte Neuedition, Band III eine Einführung, eine Studie zur Zeichentechnik, die Bibliographie und ausführliche Register, Band IV das bearbeitete Faksimile der Handschrift in deutlicher Vergrößerung.

Ziel der Neuedition war es, den Inhalt des Codex in seiner ganzen Vielfalt und Komplexität zu erschließen, ihn lesbar und verständlich zu machen, die Ergebnisse historisch einzuordnen. Dazu gehörte für die 95 Blätter des theoretischen Teils die Wiederherstellung der ursprünglichen Blattfolge nach Leonardos eigener Zählung. Als zweiter Schritt folgte die elektronische Umkehrung aller Seiten, wodurch die Schrift Leonardos entspiegelt und die Lektüre erleichtert wird. Auf den einzelnen Seiten galt es, die behandelten Themen abzugrenzen und jeweils Zeichnungen, Texte und Übersetzungen zusammenzuführen. Jede thematische Einheit erhält eine Überschrift. Der Codex wird als Ganzes in seiner Entstehungsgeschichte erschlossen und so auch die Arbeitsweise Leonardos. In wichtigen Fällen wie bei Uhren, Schlössern und Textilmaschinen hilft eine digitale Rekonstruktion. Jede Zeichnung zwingt den Betrachter zu vertiefter Beobachtung. Sie wird durch den vergrößerten Maßstab im Band IV der Böhlau-Edition erleichtert.

Der Hinweis auf Leonardos Genialität wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, um sein außergewöhnliches Oeuvre zu erklären. Etliche Hinweise der Kommentare zeigen seine Objekte als Glieder einer technischen Entwicklung, die im Mittelalter einsetzt und sich im 15. Jahrhundert in einer beachtlichen Folge anderer Ingenieurhandschriften niederschlägt. Man wird untersuchen können, was Leonardo gekannt und was er an eigener Inspiration der weiteren Forschung mitgegeben hat.

Die Neuedition klärt nicht alles, schafft aber ein handhabbares Arbeitsmittel für die künftige Technikgeschichte. Sie liefert Ansätze für die Einordnung einer Fülle einzelner technischer Tatbestände und eröffnet die Möglichkeit einer Neubewertung Leonardos im Rahmen der Entwicklung Europas an der Schwelle der großen europäischen Expansion. Auch die Geschichte der Physik erhält wichtige Anregungen, so etwa bei den Ansätzen zu einer Lehre vom Stoß oder Fragen der Elastizität, die man gemeinhin erst viel später einsetzen lässt.