Förderprojekte

27. Oktober 2016

Tagung „Die Ärzte der Nazi-Führer – Karrieren und Netzwerke“

Am 27. und 28. Oktober 2016 fand im Aachener Centre Charlemagne eine Tagung des Aachener Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums der RWTH Aachen unter dem Thema „Die Ärzte der Nazi-Führer – Karrieren und Netzwerke“ statt. Im Vorfeld der Tagung konnte am 26. Oktober bereits in der Couvenhalle ein Vortrag von Dr. Henrik Eberle zum Thema „War Hitler krank? Ein abschließender Befund“ besucht werden. 

Die von Professor Dr. Dr. Dr. Dominik Groß und Dr. Mathias Schmidt organisierte Fachtagung richtete den Fokus auf die Haus-, Leib- und Begleitärzte führender Vertreter des NS-Regimes. Übergreifendes Ziel der medial breit rezipierten Veranstaltung war die Erhebung des aktuellen Forschungsstandes und eine vergleichende Analyse dieser Ärzte in biografischer und fachwissenschaftlicher Perspektive. Dabei orientierten sich die Referenten an den Leitfragen:
- Was begründete die Beziehung der Ärzte zu ranghohen NS-Führern, war dies Zufall oder Kalkül?
- Resultierte aus den persönlichen Beziehungen ein fachlicher Aufstieg?
- Welche Netzwerke und interpersonelle Beziehungsgeflechte lassen sich feststellen?
- Wie waren die Ärzte an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt?
- Wurden sie nach 1945 zur Verantwortung gezogen bzw. konnten sie ihre Karrieren fortsetzen?
- Waren sie zu einer kritischen Hinterfragung ihrer Rolle bereit oder fähig?

In insgesamt 18 Vorträgen zeigten Ärzte und Medizinhistoriker aus ganz Deutschland an Beispielen wie Karl Brandt und Karl Gebhardt, dass diese Mediziner nicht nur die Vertrauten ihrer jeweiligen Patienten, sondern in der Tat führend an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt waren und diese bisweilen sogar selbst initiierten. Nicht in allen Fällen ist eine stringente und geplante NS-Laufbahn auszumachen. Allerdings entstammten die entsprechenden Ärzte überwiegend dem bürgerlich-akademischen Milieu, in dem „völkisches“, antisemitisches und anti-demokratisches Gedankengut vorherrschte und sie sich zumeist schon früh der nationalsozialistischen Weltanschauung zugewandt hatten.

Darüber hinaus boten die Nationalsozialisten besonders den jüngeren um 1900 Geborenen vielfache Karrierechancen. Im Streben nach wissenschaftlicher Reputation, Macht oder sonstigen Zielen überschritten sie ethische und moralische Grenzen und griffen beispielsweise für ihre Experimente auf Konzentrationslagerinsassen zurück. 

Während sich einige dieser Ärzte bei Kriegsende durch Suizid der Verantwortung entzogen und nur wenige durch alliierte bzw. bundesdeutsche Gerichte verurteilt wurden, gelang es erstaunlich vielen, in den Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer entlastet zu werden und ihren Beruf weiter auszuüben.

Link Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, RWTH Aachen: https://www.ukaachen.de/kliniken-institute/institut-fuer-geschichte-theorie-und-ethik-der-medizin.html